Tulpenkrise 1637: Was wir vom ersten Börsencrash der Geschichte lernen können

Tulpenkrise 1637: Was wir vom ersten Börsencrash der Geschichte lernen können
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Die Tulpenkrise gilt als erster Börsencrash der Geschichte. Anlegern lehrt das kuriose Ereignis wichtige Lektionen über die Finanzmärkte und ihre Tücken.

Wir schreiben das Jahr 1636 in Holland. Ein Seefahrer hat gerade eine Nachricht an einen Kaufmann übermittelt. Als Belohnung für seine Dienste erhält er ein Hering. Auf dem Tresen des Händlers liegt derweil eine unscheinbare Zwiebel, die der Seefahrer kurzerhand einsteckt. Der Geschmack der Knolle, so vermutet er, passe perfekt zu seinem Fischmahl.

Der Tragweite seiner Handlungen unbewusst, setzt sich der Seefahrer auf einen nahegelegen Steg, um sein wohlverdientes Essen zu verspeisen. Es dauert nicht lange, bis der Händler aus seinem Laden gestürmt kommt, um den Dieb zu finden. Doch es ist zu spät: Der Seefahrer ist gerade dabei, den letzten Bissen der Zwiebel zu genießen.

Auf den ahnungslosen Mann warten nun mehrere Monate im Gefängnis. Bei der Zwiebel, die er so genüsslich vertilgte, handelte es nämlich sich um eine Tulpenzwiebel der Sorte “Semper Augustus”. Ein solches Exemplar geht derzeit für rund tausend Gulden über die Ladentheke. Ähnlich viel kostet ein Stadthaus in einem der vornehmen Viertel Amsterdams.

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Als ganz Holland Tulpenzwiebeln kaufen wollte

Obwohl diese Anekdote wahrscheinlich erfunden ist, spiegelt sie doch die spekulative Stimmung Hollands zu Beginn des 17. Jahrhunderts wieder. Zu dieser Zeit waren Tulpenzwiebeln ein heiß begehrtes Gut, dass schon lange nicht mehr nur die niederländischen Botaniker interessierte. Wohlhabende Bürger betrachteten sie als das Statussymbol schlechthin. Kaufleute versuchten mit den Pflanzen ein Vermögen zu verdienen – immerhin schienen die Preise unaufhörlich zu steigen.

Ihren Höhepunkt erreichte die “Tulpenmanie”, wie sie Historiker heute betiteln, in den Jahren 1936/1937. Ende Dezember 1636 war ein Pfund Zwiebeln der beliebten Sorte “Switser” etwa 125 Gulden wert. Nur kurze Zeit später, am 3. Februar, zahlten Spekulanten schon 1.500 Gulden für die selbe Ware. Für ähnlich viel Geld konnte ein Holländer damals auch 8.400 Pfund Fleisch erwerben oder 170 Fässer Bordeaux-Wein.

Erzählungen zufolge verkauften einige Menschen zeitweise ihren Besitz, darunter sogar ihr eigenes Haus, um mit besonders bergehrten Tulpenzwiebeln handeln zu können. Der Haarlemer Geistliche Jodocus Cats bezeichnete die Euphorie um die farbenfrohen Blumen seinerzeit als Geisteskrankheit. Niemals zuvor, so schreibt er in einem Brief, habe die Welt einen solchen Wahnsinn erlebt.

Dass die Tulpen nur zwei Monate im Jahr blühen, war den Holländern egal. Die Blumen, welche ursprünglich aus Zentralasien stammten, hatten das wirtschaftlich florierende Land bereits fest im Griff.

Als Börse hielten damals die Gaststätten hin, in welchen die Menschen nicht nur Verkäufe tätigten, sondern auch über den aktuellen Stand des Tulpenhandels diskutierten. So unterhielt man sich zum Beispiel darüber, welche Sorte bald aus der Mode kommen könnte oder welche Exemplare zuletzt für besonders hohe Summen verkauft wurden.

Tulpenkrise 1637: Das Platzen der Blase

Doch die Tulpenmanie, welche sich über die Monate zu einer riesigen Spekulationsblase entwickelt hatte, sollte ein jähes Ende finden. Anfang 1937 als sich die Preise auf ihrem Höhepunkt befanden, kam es bei einer Versteigerung in einem Haarlemer Wirtshaus zu einem seltsamen Ereignis: Keiner der Anwesenden wollte mehr Tulpenzwiebeln kaufen. Blitzschnell sprach sich der Vorfall herum, woraufhin sich Panik unter den Spekulanten breit machte. Nicht viel später brach der Handel in allen Provinzen Hollands zusammen.

Am 7. Februar 1637 fielen die Preise für Tulpenzwiebeln um 95 Prozent. Zahlreiche Bürger der Landes verloren von heute auf morgen ihr gesamtes Vermögen. Wer seinen Besitz verkauft hatte, um mit den Knollen handeln zu können, stand jetzt vor dem finanziellen Ruin.

Aus Angst, selbst Pleite zu gehen, begingen viele Händler Vertragsbruch. Die Zwiebeln, welche sie im Winter zu einem festen Preis erworben hatten, wollten sie nun weder entgegennehmen, noch bezahlen. Der Erzählung zufolge sollen so viele Menschen unter dem Platzen der Spekulationsblase gelitten haben, dass die Regierung irgendwann eingriff, um die Wirtschaft zu retten. Am 28. Mai folgte deshalb eine Verordnung, die bestimmte, dass nicht erfüllte Verträge gegen eine Entschädigung in Höhe von 3,5 Prozent des Kaufpreises abgegolten werden müssen.

Lektionen aus der Tulpenkrise

In ihrem Ablauf unterscheidet sich die Tulpenmanie kaum von anderen Börsencrashs der Geschichte. Den Ökonomen Charles Kindleberger und Hyman Minsky zufolge lässt sich der Verlauf einer klassischen Spekulationsblase in fünf Phasen festhalten:

  1. Verlagerung
  2. Positives Feedback (Boom)
  3. Euphorie
  4. Finanzielle Not
  5. Abscheu

Die verschiedenen Phasen lassen sich nicht nur bei der Dotcom-Blase Anfang der 2000er oder der Immobilienkrise 2008 beobachten, sondern auch bei der Tulpenkrise – der ersten Spekulationsblase der Geschichte.

Zuerst begann alles ganz harmlos, mit einem Interesse an exotischen Blumen, die sich in der Bevölkerung langsam zum Statussymbol entwickelten. Versierte Kaufleute witterten eine Chance, viel Geld zu verdienen (Verlagerung) Nachdem die Preise anstiegen und auch die Presse auf das Phänomen aufmerksam wurde, versuchten immer mehr Menschen am Tulpen-Boom teilzuhaben (Boom). Irgendwann erreichte die Tulpenmanie dann auch die breite Bevölkerung und damit ebenso solche Bürger, die naiv dem neuen Trend folgten, in der Hoffnung auf schnelle Gewinne (Euphorie).

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Durch die enorme Nachfrage gerieten die Preise in exorbitante Höhen, bis sie schließlich zu fallen begannen. Jetzt machte sich unter den Marktteilnehmern Panik breit. Wer noch in den Handel mit Tulpen involviert war, versuchte so schnell wie möglich auszusteigen. Menschen, die für ihre Investition Schulden aufnahmen oder ihren Besitz verkauften, befanden sich nun in einer Schieflage (Finanzielle Not).

Die Preise fielen auf ein immer tieferes Niveau, bis sie irgendwann den Boden erreichten. Käufer ließen sich nun keine mehr finden. Die Fehlinvestitionen in der Bevölkerung beeinflussten auch die Wirtschaft Hollands, sodass der Staat begann, zwischen wütenden Käufern und Verkäufern zu vermitteln (Abscheu).

Ob die Tulpenkrise wirklich so passiert ist, lässt sich heute nur schwer nachverfolgen. Die britische Historikerin Anne Goldgar übt Zweifel an vielem, was heute über die Geschehnisse in Holland erzählt wird. So sei der Handel mit den Tulpen damals deutlich ruhiger vonstatten gegangen- einen Rausch habe es nicht gegeben. Zudem mögen die Preise zeitweise zwar hoch gewesen sein, meistens aber nicht, vermutet Goldgar.

Augen auf beim Investieren

Ob Legende oder nicht: Die Tulpenkrise, so wie sie gemeinhin beschrieben wird, lehrt uns eine wichtige Lektion im Hinblick auf die Finanzmärkte. Sie zeigt uns, wie eine ganze Bevölkerung von einem Markttrend ergriffen werden kann. Zudem bietet sie eine Art Blaupause für das, was Ökonomen heute als Spekulationsblase bezeichnen.

Für Anleger gilt: Wenn Kurse ungewöhnlich hoch erscheinen, lasse dich nicht von der Euphorie mitreisen. Prüfe ganz genau, ob die Preise für ein Anlageobjekt gerechtfertigt, oder ob sie irrationaler Natur sind. Die möglichen Gewinne sollten in keiner Weise dein Risikobewusstsein trüben.

Auch solltest du dir im Klaren darüber sein, dass kaum ein Trend ewig anhält. Selbst wenn sich in einer Spekulationsblase zur richtigen Zeit viel Geld verdienen lässt, gibt es keine Garantie, dass der Markt auch morgen noch gen Himmel steigt. Über kurze Zeiträume lassen sich Marktentwicklungen schließlich kaum prognostizieren, weder von Laien, noch von Experten.

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